GeschichtsCampus Leipzig

                                            Andreas Thielemann

 

 

                             Konzept

                                                       12.2.2003

Leipzig darf sich glücklich schätzen. Das Zentrum der Stadt birgt einen historischen und kunsthistorischen Schatz, der zum Teil schon internationale Bekanntheit erlangte, im übrigen aber erst noch zu erkennen, zu heben und zu gestalten ist.

Es handelt sich um einen Komplex von Bauten und monumentalen Bildwerken, die in der jüngsten Zeitgeschichte eine hervorragende Rolle spielten und diese Geschichte teils dokumentarisch, teils zeichenhaft-symbolisch verkörpern. Sie spiegeln Geschichte nicht nur ab, gehörten vielmehr selbst zu den Fixpunkten und Gelenkstellen der politischen Kämpfe, die um sie und mit ihnen ausgetragen wurden.Nikolaikirche Leipzig

An erster Stelle ist die Nikolaikirche zu nennen. Als Ausgangspunkt der Leipziger Montagsdemonstrationen rückte sie im Herbst 1989 in den Mittelpunkt des weltweiten Interesses. Sie steht für das wichtigste Ereignis in der jüngeren deutschen Geschichte und markiert ein Datum, mit dem sich Leipzig in die Weltgeschichte einschrieb. „Nikolaikirche“ bezeichnet den konkreten Ort des Geschehens und evoziert darüber hinaus eine bildliche und an die Realität von Kirchenarchitektur geknüpfte Vorstellung jener historischen Gegenmacht, die imstande war, der Opposition über Jahrzehnte hinweg Rückhalt und die Logistik eines Sammelbeckens zu bieten. Insofern steht diese Kirche zugleich pars pro toto für die urbane Präsenz jenes Gegenspielers, der im ganzen Lande entscheidenden Anteil am Sturz des Systems hatte.

Jüngste Presseberichte haben schließlich die dramatischen Ereignisse um die Leipziger Universitätskirche St. Pauli bekannt gemacht, die etwa 300 Meter von der Nikolaikirche entfernt am Karl-Marx-Platz (heute wieder Augustusplatz) stand. Nach jahrelangem Tauziehen mit der Kirche und anderen mutig Mahnenden  wurde der vollkommen intakte Bau aus dem 13. Jahrhundert im Mai 1968 gesprengt. Man schuf Baufreiheit für eine moderne sozialistische Universität, verbannte ein gegnerisches Architektursymbol vom Hauptplatz der Stadt und beseitigte bei dieser Gelegenheit einen unliebsamen Veranstaltungsort.

30. Mai 1968. Aus der Photoserie von Karin Wieckhorst

Damals, im Mai 1968, gab es auf dem Leipziger Karl-Marx-Platz die ersten stummen Demonstrationen, zu denen sich an den Abenden vor der Sprengung jeweils ein- bis zweihundert Menschen einfanden, ungeachtet der Verhaftungen, bei denen einzelne aus der Menge gezogen wurden. Andere riskierten mutige Einzelaktionen, was den Protagonisten zum Teil schwere Haft einbrachte. Bis zum Ende der DDR war über die Universitätskirche und ihre Sprengung eine alle Bild- und Tonzeugnisse umfassende damnatio memoriae verhängt.

Erst einige Zeit nach der Wende kam dieses verdrängte Kapitel der politischen und Stadtgeschichte wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit, als eine zunächst kleine Gruppe ihre Forderung von 1968 wiederholte: Wiederaufbau!

Seit 1998 steht die von einem Team um Jutta Schrödl und Axel Guhlmann geschaffene „Installation Paulinerkirche“ am Platz. Sie brachte das ikonisch umkämpfte Bild der Kirchenfassade mit einer roten Stahlkonstruktion ins Stadtbild zurück und eröffnete das zweite Kapitel in dem noch offenen Kampf der Bilder und Monumente. Nun steht die rote Kirchenfassade exakt vor dem gigantischen Marx-Relief des Rektoratsgebäudes, das demnächst abgerissen werden soll.

Im Zuge von Neubauplänen der Universität hat sich die Auseinandersetzung um einen Wiederaufbau der Universitätskirche gesteigert und in den letzten Wochen die Dimensionen eines Kulturkampfes angenommen. Ähnlich wie 1968 geht es um Baugrund, um das Selbstverständnis der modernen Universität und auch um die bildhaft-symbolische Bedeutung der Bauten und Bilder am Hauptplatz einer mehrheitlich atheistischen Stadt. Viele Leipziger beschreiben die Auseinandersetzung um die Universitätskirche bereits als die schwerste politische Verwerfung seit der Wende.

Die Nachrichten dringen zunehmend über Sachsen hinaus und bringen eine Zwei-Kirchen-Konstellation im Zentrum Leipzigs zu Bewußtsein, die zum Merkwürdigsten und Denkwürdigsten gehört, was man sich an Verknüpfung von Geschichte und Topographie denken kann: Mai 1968 und Herbst 1989, zwei Kirchen im Abstand von etwa 300 Metern und zwei extrem gegenläufige Ereignisse. Hatte sich die scheinbar unbegrenzte Macht und Vernichtungspotenz der Staatsmacht 1968 bei der Zerbombung der einen Kirche gezeigt, so erlitt sie 1989 an der anderen in unmittelbarer Nachbarschaft jene Niederlage, die entscheidend zu ihrem Sturz beitrug und die Auflösung des ganzen Staatsgebildes einleitete.

Dramatischer können sich die Ereignisse im Raum und bei Kopplung an je einen Kirchenbau nicht reiben. Mit der lapidaren Wucht des Faktischen und geradezu emblematischer Klarheit treffen hier zwei Momente eines geschichtlichen Plots aufeinander. Aufstieg und baldiger Fall einer Herrschaft, Sieg und Niederlage eines historischen Subjekts, das mit welthistorischen Versprechungen und einer „wissenschaftlichen“ Gewißheit der eigenen Unumstößlichkeit antrat.

Zwei Szenen eines historischen Dramas auf bürgerlicher Stadtbühne. 1968 lag im vermeintlichen Sieg bereits die Peripetie: Als Teil des Ostblocks verliert die DDR endgültig den Anschluß an jenes europaweite Aufklärungs- und Freiheitsbegehren, das sich 1968 in den Universitäten Westeuropas Luft macht und gleichzeitig in Prag niedergewalzt wird. Es sind die Demonstranten für die Uni-Kirche, die den Leipziger Mai über alle Differenzen hinweg mit den Geschehnissen in Westeuropa verbinden, während die Sprengung dieser Kirche schon auf das baldige Dröhnen der Panzer in Prag vorausweist.

Wie kann, wie soll man mit dieser Vorgeschichte umgehen, wenn die Universität nun abermals einen Neubau auf diesem Gelände plant? Der Paulinerverein hat sich den möglichst originalgetreuen Wiederaufbau der Universitätskirche zum Ziel gesetzt, die Universität will hingegen nur über gewisse Memorialelemente einer modernen Multifunktionsaula der alten Kirche gedenken.

Der Vorschlag zu einem GeschichtsCampus Leipzig offeriert einen dritten Weg und versetzt den auf die Kirche verengten Streit in ein chronologisch und topographisch weiteres Feld. Das ganze Areal zwischen Nikolaikirche und Augustusplatz bietet sich als Erinnerungsort für die Revolution von 1989 an, wobei die überaus rare und sprechende Konstellation der beiden Kirchen den Ausgangspunkt bildet. Dafür muß die Universitätskirche in geeigneter Form wiedererstehen.

Geeignet heißt hier, daß auch und gerade das Faktum der Kirchensprengung zu einem zentralen Thema des Neubaus wird, denn andernfalls kommt das Zwei-Kirchen-Konzept weder in semantischer noch ästhetischer Hinsicht zur Wirkung. Dafür die Idee zu finden und zu gestalten, wird eine künstlerisch-architektonische Herausforderung ersten Ranges sein und zweifellos dazu beitragen, daß fähige Künstler und Architekten in Wettbewerb treten. Diese thematische Aufgabe ist im Rahmen eines Stratigraphiekonzeptes zu lösen, das verschiedene Zeitebenen anschaulich präsent hält.

Die neue Universitätskirche restituiert den gesprengten Bau, soweit das möglich und sinnvoll ist, über den mehr oder weniger umfangreichen Einsatz von Originalstücken (Spolien) und über gezielte Ähnlichkeitsrelationen. Diese Realien und Referenzmittel kommen als Elemente eines modernen künstlerischen Gesamtkonzeptes zum tragen. Es muß kein Manko sein, daß sich die Referenz auf den Vorgängerbau dabei vielfach nur über eine bildlich und medial vermittelte Beziehungen herstellt. Vielmehr wird damit am Bau selbst das Moment jener bild- und zeichenhaften Wirkung aufgegriffen und bewußt gestaltet, das beim Kampf um die Kirche eine zentrale Rolle spielte und spielt. Speziell an diesem Punkt zeigt sich ein Aspekt, den Befürworter und positivistische Kritiker übersehen. Der Bau entsteht, ob man möchte oder nicht, in der Techno- und Mediosphäre des 21. Jahrhunderts.

Entscheidend ist, daß der Bau den Zeitindex des 21. Jahrhunderts bewußt trägt und auch das dazwischenliegende Moment der Sprengung thematisiert. Zwar dokumentiert jede Kirche, die auf diesem Platz neu entsteht, die Revolution von 1989, doch kommt es darauf an, die Schichtung der Geschichte wie in einem geologischen Aufschluß transparent zu machen und auf den Fokus von Gegenwart und Zukunft auszurichten. Der Bau soll anschaulich und sinnlich erlebbar machen, daß er auf einen Jahrhunderte alten Vorgänger zurückgeht, in der gegenwärtigen Form aber das jüngste Monument auf dem Areal ist. Er steht nicht nur für die historischen Anfänge, sondern präsentiert sich vielmehr als Monument, das aus nachrevolutionären Kämpfen hervorging und den weitgespannten historischen Bogen abschließt.

Eine Kirche wurde gesprengt – also setzen wir eine neue Kirche dagegen: Diese an lapidarer Klarheit nicht zu überbietende Geste dokumentiert die Kraft und die Fähigkeit, die Untat mit der stärksten nur denkbaren Antwort zu kontern. Wichtiger noch als die Erinnerung an den Vorgängerbau (aber natürlich von dieser Erinnerung ausgehend) und wichtiger als die Erinnerung an das mit der Sprengung verbundenen Unrecht ist das positive, aktive Moment des Response – in der Tradition jener Demonstranten vom Mai 1968. Die Geschichte geht weiter. Daher die Ausrichtung auf 1989 und die ins 21. Jahrhundert weisende Perspektive. Es ist die Wende von 1989, die es erlaubt, diesen Trauerfall in ein positives Exemplum zu wenden und der Stadt im Zuge der Restitution ein durch und durch gegenwärtiges Stadtzeichen zu schaffen. Kirchenbau wird in dieser Konstellation zum historischen Handeln.

Der Lapidarstil dieses Handelns koinzidiert mit der Art, wie auf diesem Campus Aussagen erzeugt und vermittelt werden: es geht um reale historische Stratigraphien und um die gezielte Gestaltung einer vorhandenen Denkmälerkonstellation.

Neben dem historisch-szenographischen Zwei-Kirchen-Motiv und seiner emblematischen Aussage steht ein zweiter, momentan vorzüglich verdichteter Komplex.

Selbstverständlich wurden die Zerstörung der Kirche und die Unterdrückung des Widerspruchs mit höheren Zielen gerechtfertigt. Sie sind an der Ausstattung des Nachfolgebaus ablesbar. Es ist ein außerordentlicher Glücksfall, daß die geschichtlichen Zeugnisse hier nicht stumm bleiben, sondern daß zwei Monumentalwerke von hohem künstlerischen Rang erhalten sind, die dem propagandistischen Auftritt des Universitätsbaus nach außen und der selbstreflexiven Darstellung nach innen dienten.

Als politischer Bildschmuck und rhetorisches Sprachrohr wurde das monumentale Marx-Relief von Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt am Rektoratsgebäude konzipiert und ausgeführt. Auf das Platzareal gerichtet, feiert es exakt am Platz der gesprengten Kirche den Sieg des Neuen mit einer allegorischen Darstellung marxistischer Geschichtsphilosophie. Die gigantische Bronze tritt demonstrativ an die Stelle des gegnerischen Zeichens und bringt jene höheren Ziele buchstäblich zum Schwingen und Klingen, deretwegen auch das Alte an dieser Stelle weichen mußte.

Relief von Klaus Schwabe, Frank Ruddigeit und Rolf Kuhrt

Während diese allegorisch instrumentierte Hymne ihre Botschaft an die ganze Stadt richtet und ihre Argumente aus höchsten Entwicklungsgrundsätzen der Menschheitsgeschichte entfaltet, herrscht im Innern des Rektorats, genau hinter dem Marx-Relief, das Hier und Heute der damaligen Karl-Marx-Universität in pictorialer Genauigkeit.

Werner Tübke, Arbeiterklasse und Inteligenz, 2,70 x 13,80 m

Mit Porträts durchsetzt und aus einzelnen Gruppen komponiert, schildert Werner Tübkes Monumentalbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ die Zusammenarbeit zwischen Intelligenz und Arbeitern beim Neubau des Universitätskomplexes. Tübkes italianisierender Stil schafft den Bauherrn und -meistern einen überhöhten Auftritt in panoramatischer Breite. Dabei dringt Tübke bis tief in die Mikrogeschichte ein und überliefert neben Idealvorstellungen auch Physiognomien derer, die für die Sprengung von Augusteum und Universitätskirche verantwortlich zeichneten.

Die Gruppe um Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Georg Mayer

Die Stahlkonstruktion „Installation Paulinerkirche“ brachte 1998 in ikonisch gestraffter Form das skandalisierte Bild der Kirchenfassade auf den Augustusplatz zurück. Die Effizienz der Installation beruht darauf, daß der Vorgängerbau ohne Anklagemotive mit dokumentarischer Schärfe in Erinnerung gebracht wurde. Das stählerne Fassadenmotiv dialogisiert mit dem Rektoratsgebäude in der Sprache der Architektur und setzt zugleich ein gestalterisch genau kalkuliertes Rahmenfeld für das Marx-Relief. Ein ikonischer Erfolg im „Rahmendiskurs“, ein Werk des modernen „Interventionismus“ und Zeugnis aus der jüngsten Schicht des Leipziger Bilderkampfes.

Installation Paulinerkirche 1998

Im gegenwärtigen Zustand sind die drei zuletzt genannten Monumentalwerke auf einer Achse hintereinandergestaffelt – der Achse des alten Kirchenbaus. Es bleibt im Prinzip nur noch eines zu wünschen: ein Gebäudeschnitt nach Art von Gordon Matta-Clark, der das Rektoratsgebäude öffnet und auch Tübkes Monumentalbild sichtbar macht, das selbst Leipzigern kaum bekannt ist. 

Rektoratsflur mit Tübkes Wandbild "Arbeiterklasse und Intelligenz"

Der Schnitt durch das alte neue Rektorat würde Licht in einen dämmrig-tristen Rektorenflur bringen und einen aufschlußreichen Zusammenstoß von realer Mittelmäßigkeit und höchster artistisch-rhetorischer Selbstdarstellung aufdecken. Welch ein Kontrast zwischen dem Gebäude, das schon nach 40 Jahren zur Verschrottung ansteht, und der damaligen Selbstfeier einer Institution, die sich selbst und ihren Neubau für so epochal hielt, daß sie dafür ihr ältestes Geschichtszeugnis auslöschen ließ!

Es sind eben diese an den Originalkontexten ablesbaren Nahtstellen, die es zu erkennen und für einen Geschichtsparcours aufzuschließen gilt. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, und das mit dem Titel "Modernisierung" belegte Muster, das sich hier mit der Schärfe und dem Detailreichtum eines altdeutschen Holzschnitts besichtigen läßt, durchzieht die Entwicklungen der Gegenwart weltweit. Leipzig hat dieses Muster an seiner Universität mit dem Tiefgang einer Katharsis durchlitten und kann ein in dieser Form einzigartig dichtes Ensemble bieten, das sich als Teil des GeschichtsCampus zu modellhafter Klarheit präparieren läßt. Ein aus dem Rektorat geschnittenes Kuchenstück wird zum monumentalen Schau- und Denkbild aus dem Kunst- und Realienkabinett der Geschichte. Daß sich die Einsicht nicht mit einem Affekt gegen die Kunstwerke verbinden muß, versteht sich von selbst. Im Gegenteil, erst wenn historisches Erkenntnisstreben und künstlerische Würdigung zusammenkommen, findet die Integration der DDR-Monumentalwerke ihre künstlerisch, didaktisch und konservatorisch angemessene Lösung.

Inwieweit sich das gegenwärtig auf die alte Kirchen-Achse gespannte Ensemble erhalten und gestalten läßt, hängt von den Planungen ab, die in Leipzig in den nächsten Wochen unter neuen Prämissen beginnen.

Der Vorschlag für einen GeschichtsCampus Leipzig interveniert in diese Vorgänge mit einer dritten Position. Vielleicht bietet er auch eine Plattform für den jetzt notwendigen Kompromiß, von dem zu hoffen ist, daß er nicht in eine schwache, sondern in eine starke Lösung mündet.